Fremdworttag

Wir lieben unsere schöne österreichische Sprache. Besonders melodisch ist das Wienerische, eine absolut klassische Art zu sprechen. Dabei finden sich darin zahlreiche Wörter, die fremder Herkunft sind.

Französisch war einmal eine todschicke Sprache, richtig en vogue. Daher gibt es viele wienerische Begriffe, die aus dem Französischen kommen, sogenannte Gallizismen. Das Interessante an der Sache ist, dass die Wiener oftmals ein französisches Wort hernahmen und dessen Bedeutung etwas abänderten. Selbstverständlich passten sie auch die Aussprache dem Wienerischen an. Ein klassisches Beispiel, welches sich ortsübergreifend ausbreitete und bei uns im Nordburgenland heute noch hält, ist das Lavoir. Es wird konsequent als „Lawur“ ausgesprochen und gerne mit dem femininen Artikel „die“ versehen. Im Französischen bezeichnet es einen öffentlichen Waschplatz. Im Wienerischen war es zuerst ein Waschtisch, also ein Tisch mit einer Waschschüssel drauf. Das Nachfolgermodell jenes Waschtischs, das Waschbecken, durfte diesen Namen nicht tragen, daher wurde das „Lavoir“ recycelt und bezeichnet jetzt mehr oder weniger ein Schaffl, also eine große Schüssel, in der Kleidung vor dem Waschen eingelegt wird oder Fußbäder genommen werden.

Sucht man in Wien eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung, wird man sich wahrscheinlich für eine der inserierten Garconnieres entscheiden. Soll es eher im Parterre liegen oder gar in der Beletage, jenem noblen Geschoss, welches sich durch eine andersartige Fassaden- und Fenstergestaltung von den restlichen Etagen abhebt? Egal, wer sich nicht für ein Stockwerk entscheiden kann, nimmt eine Maisonette-Wohnung auf zwei oder mehr Etagen – sofern das nötige „Knödl“ vorhanden ist. Dadurch, dass die Wiener Französisch manchmal etwas zweckentfremdet haben, wird ein Franzose übrigens weder wissen, wie hoch das Parterre liegt, noch wird er das Separee im Wirtshaus finden, geschweige denn sich ein Baiser bestellen. Er geht auch nicht zum Friseur. Aber das wäre alles überhaupt keine Blamage, denn in Frankreich nennt man diese „französischen“ Wörter alle ganz anders.

Viele Gallizismen gelten heute allerdings als veraltet und werden nur mehr von der älteren Generation verwendet, doch sie begleiten uns alle bis ganz zum Schluss: Der Begriff „Parte(zettel)“, die sogenannte Todesanzeige, stammt nämlich auch aus dem Französischen. Unbedingt zu erwähnende Klassiker sind natürlich ebenfalls das Trottoir und der Plafond. All diese Wörter haben einen ganz besonderen Charme.

Die ungarische Sprache hat vor allem in Ostösterreich ihre Spuren hinterlassen. Als Maschekseit’n wird auch das Hintaus bezeichnet, also die Rückseite eines Grundstücks, auf der sich in ländlichen Gegenden oft Garagen und Scheunen befinden, die mit einer schmalen Zufahrtsstraße ausgestattet sind. Zu einem guten Glas Wein passen hervorragend Pogatscherl, klassisch mit Grammeln, manchmal auch mit Käse. Diese Snack-Häppchen sind ganz typisch für das Burgenland und Ungarn. Auch gern gegessen werden Palatschinken. Deren Name kommt eigentlich vom lateinischen „placenta“, was nichts anderes als Kuchen bedeutet. Es wurde im Rumänischen als „placinta“, im Ungarischen als „palatsinta“ und im Slawischen als „palatsinka“ aufgegriffen. Palatschinken werden sehr gerne mit Lekwa gefüllt.

Auch das Tschechische findet man im Essen: Bekannte Speisen wie Golatschen, bei uns meist mit Topfen gefüllt, Buchteln, als „Wuchteln“ ausgesprochen, und natürlich Powidl als beliebte Füllung für Erdäpfelteig, ein wunderbares Gericht namens „Powidldatschkerl“, stammen von dort.

Heute in der Umgangssprache noch allgegenwärtig ist der Einfluss des Rotwelsch. Es folgt der deutschen Syntax und ist eine Art Sprachwortschatz mit Wurzeln im Jiddischen, Niederländischen, Französischen und der Sprache der Sinti. Eine andere Bezeichnung dafür ist „Gaunersprache“, weil Rotwelsch unter anderem von Kriminellen gesprochen wurde. Genau daher stammt auch die in Wien nicht wegzudenkende Bezeichnung „Kiwara“ für einen Polizisten, alternativ auch Gendarm genannt, für die Französisch Bevorzugenden. Vor allem die jiddische Sprache hat die Wiener Kultur geprägt, sonst würde man sich heute nicht mit seinem Hawara im Beisl anschickern, so eine Gaststätte gibt es auch im kleinsten Kaff. Wer jetzt von diesen ganzen bekannten und doch fremden Begriffen noch nicht meschugge ist, hat richtig eine Masn gehabt.

Das Faszinierendste an Sprache ist, wie sie sich weiterentwickelt. Über die Zeit hinweg und über Grenzen hinaus. Was für Generationen eine angesagte Ausdruckweise war, ist für kommende Generationen altmodisch. Dennoch prägt sie uns und unsere Geschichte.

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