„Verzaubert“

Ich richtete mich auf und wusste sofort, dass ich in Anwynn war. Der Nebel war noch da, aber die Bäume waren wieder von diesem unvergleichbaren Funkeln umgeben und auf meinen Lippen schmeckte ich die Magie einer anderen Welt.

Ich blickte zum Wasser und sah eine zarte, fast schemenhafte Gestalt. Eine Frau, deren Körper mit dem Wasser des Teiches zu verschmelzen schien. Sie war blass, das hellblonde Haar hing ihr lang über die Brust und ihre blauen, wässrigen Augen starrten ins Unbestimmte. In ihrer Hand hielt sie eine Harfe, über deren Saiten sie die Finger sacht gleiten ließ. Aus ihrem leicht geöffneten Mund strömte der sonderbare Gesang, der dem Plätschern einer Quelle glich.

Die Frau war so wunderschön, dass ich meinen Blick nicht von ihr nehmen konnte. Ein vorsichtiges Lächeln umspielte ihren Mund. Obwohl sie wirkte, als würde sie keinerlei Notiz von mir ziehen, wusste ich, warum auch immer, dass sie mich spürte. Und ich wusste, dass sie nur für mich sang.

Ihre Stimme drang wie ein ferner Ruf der Sehnsucht in mich ein und kitzelte durch die dunkelsten Tiefen meiner Seele. Sie weckte einen Schmerz in mir, der kaum zu ertragen war. Einen alten, tief sitzenden Schmerz, der sich so erbarmungslos in meine Brust fraß, dass ich laut aufschluchzen musste. Ein Abgrund tat sich in mir auf, aber ich war nicht bereit, hineinzublicken. Stattdessen schaute ich zu ihr. Und ich sah sie in ihrer unermesslichen Schönheit am Wasser sitzen und verlangte nach ihrer Nähe, wie nach nichts je zuvor.

Ich vergaß mein Vorhaben, vergaß Nessihr, die vielen Fragen, mein ganzes Leben.

Mein Körper richtete sich auf und strebte selbsttätig zu ihr, immer näher, bis mein Fuß das Wasser berührte. Ich spürte zwar die Kälte, merkte auch, wie der seidene Rock nass wurde, aber es war mir egal. Ich schritt durch das Wasser und hatte nur noch ein Ziel im Herzen: sie. Ich musste näher an sie heran, so nah wie nur irgendwie möglich, und nie mehr wollte ich von ihr fort.

Endlich hob sie den Kopf an und richtete ihren Blick auf mich. Sie lächelte. Das wässrige Blau ihrer Augen legte sich wie Balsam auf die neu erweckten Wunden meiner Seele und schien auch die letzten Gedanken aus meinem Kopf zu treiben.

„Viviana, nicht!“ Die Stimme, die nach mir rief, klang weit entfernt, gar nicht real.

Plötzlich riss etwas an meiner Schulter, jemand zog mich zurück, raus aus dem Wasser, bis ich wieder Waldboden unter den Füßen spürte. Ich schüttelte mich ab, schnappte hastig nach Luft. Nessihr sah mich mit aufgerissenen Augen an. Immer noch erklang der Gesang der Frau, doch nun wirkte er nicht mehr ganz so betörend, schien sich irgendwie zu verlieren im leisen Plätschern der Quellen. Sie sang nicht mehr für mich.

Elbenohr
Das Tor der Welten
Petra P. Hasler

304 Seiten
16,40 €