Herzprobleme
oder
„Host an Huscher?“

Sommer in den späten 80er Jahren. Es ist drückend heiß. Kein Wetter, wo man einen Hund vor die Tür lässt. Die Autobahn A4 wird saniert. Zu diesem Zweck wird eine 30 cm starke Betonschicht auf die bereits bestehenden Fahrbahnen aufgebracht. Das erledigt eine riesige Betonauflegemaschine. Richtung stadteinwärts ist daher nur die erste Fahrspur für den Verkehr befahrbar. Von Ortsgrenze bis Schrägseilbrücke fährt man daher auf dem ersten Fahrstreifen, während der zweite Fahrstreifen daneben, in einer Stufe, gute 30 cm höher verläuft. Der Pannenstreifen ist mittels Haberkornhüten abgeschränkt.

Heute am Samstag wird nicht gearbeitet. Starker Reiseverkehr. Durch liegen gebliebene Fahrzeuge wird der Verkehr immer wieder behindert.

Mein Name ist Hermann SZODL, ich mache Dienst in Simmering. Mein Dienstgrad ist Revierinspektor. Ich und meine Kollegen vom Wachzimmer Kaiser Ebersdorfer Straße sind sowohl für unseren Überwachungsrayon als auch für die A4 zuständig.

„Konrad 3 von Funkstelle, Konrad 3!“

„Konrad 3“, meldet sich Franz M., mein Beifahrer, Kommandant der Halbdienstgruppe C2.

„Fahren Sie einsatzmäßig auf die A4. Verkehrsunfall mit Sachschaden. Der Verkehr staut bereits bis Ortsgrenze zurück. Höhe Abfahrt Simmeringer Haide in Fahrtrichtung stadteinwärts.“

Rein das Blaue und auf die Sirene gedrückt. Jetzt geht’s wieder ab. Wir standen gerade in der Zinnergasse und führten Verkehrskontrollen durch. Der Schweiß floss in Strömen. Volle Beschleunigung. Der Fahrtwind tat richtig gut. Rauf auf die Auffahrt Simmeringer Haide Richtung stadteinwärts. Als wir oben auf der Autobahn eintreffen, ist kein Verkehr mehr.

Der Unfall muss folglich weiter vorne sein. Ich wende den Funkwagen und fahre so schnell wie möglich gegen die Fahrtrichtung in Richtung stadtauswärts.

Ein blödes Gefühl als Geisterfahrer auf der Autobahn.

Da, nach einer lang gezogenen Linkskurve sehen wir den Unfall. Ein Fahrzeug war im Kolonnenverkehr auf den Vordermann aufgefahren. Ich stelle den Funkwagen am Pannenstreifen ab und lasse das Blaulicht eingeschaltet. Geringer Sachschaden, keine Verletzten, das war schnell festgestellt. Die Fahrzeuglenker wurden von uns angewiesen, sofort ihre Fahrzeuge am Pannenstreifen abzustellen. Unsere Anordnungen werden von einem unbeschreiblichen Hupkonzert fast übertönt. Während der vordere unverzüglich sein Fahrzeug am Rand abstellte, bemerkte der andere Beteiligte, dass der vordere Kotflügel am Reifen anstand und diesen blockierte. Zu zweit und mit Brachialgewalt wurde der Kotflügel weg gebogen, sodass der Lenker ebenfalls an den Straßenrand fahren konnte. Dort nahm Kollege M. die Daten der Beteiligten auf, während ich mich auf die um 30 cm höhere Fahrspur stellte und den Verkehr mittels Armzeichen wieder in Fluss bringen wollte. Dabei musste ich aufpassen, dass den Personen am Straßenrand nichts passierte.

Richtung stadtauswärts blickend, bot sich mir ein Ausblick auf eine geschlossene Fahrzeugkolonne, soweit das Auge reichte, während die Überholspur, auf welcher ich gerade stand, frei von jeglichem Fahrzeugverkehr war. Es bestand keine Möglichkeit, den Verkehr auf den zweiten Fahrstreifen zu bekommen. Am Anfang der Baustelle war lediglich eine steile Abschrägung auf den Betonbelag. Viel zu hoch für PKW. Da kam kein Fahrzeug hinauf, ohne die Frontschürze liegen zu lassen. Lediglich geeignet für Lastkraftwagen, welche Beton brachten, um ihn auf der Fahrbahn aufzubringen.

So sah es auch auf der anderen Seite bei der Schrägseilbrücke aus. Eine notdürftige Auffahrt, nichts weiter.

Während ich nun den Verkehr weiterwinke, Neugierige wollten fast stehen bleiben, damit ihnen nur nichts entgehen konnte, sehe ich plötzlich das nicht Mögliche.

Wie eine Fata Morgana taucht aus der hitzeflirrenden Luft ein roter Ford älteren Baujahres auf. Und das mit einem Affenzahn. Lichthupe und Hupe betätigend wie ein Einsatzfahrzeug.

„Ja spinn ich oder hab ich an Hitzschlag, des gibt’s ja nicht. Wo kommt der her?“, bringe ich gerade noch erstaunt heraus, als er auch schon knapp vor mir ist.

Ich gebe Haltezeichen. Keine Reaktion. Ich breite meine Arme aus. Keine Reaktion. Jetzt wird’s knapp. Eisern bleibe ich in der Mitte der Fahrspur stehen, bereit im letzten Moment weg zu springen. Reifen quietschen, die Nerven spannen sich an. Ganz kurz vor mir, ich wollte gerade weg springen, bleibt der PKW stehen.

Während ich um meine Fassung ringe, höre ich den Lenker schreien: „A Herz. I hob a Herz. Schnell, i muss weiter!“

Dabei fuchtelt er mit den Armen und bedeutet mir zur Seite zu gehen.

Nein, was zu viel ist, ist zu viel. Völlig konsterniert frage ich den Lenker, deutlich hörbar, ob er einen Huscher habe. Dabei entfährt mir eine eindeutige Geste.

Zu meinem Kommandanten gewandt, der den Vorfall ebenfalls mitbekommen hat, rufe ich – „Chef, ich hab hier einen Verrückten, einen, der ein Herz hat. Ganz dicht kann der nicht sein!“


„KONRAD 3“ von Funkstelle … !
Hermann Szodl

192 Seiten
22,00 €