Hüülfe! und Jessas!

Kurz vor uns, ca. 30 Meter, flüchtet der Einbrecher auf einem Moped. Er fährt die Kaiser Ebersdorfer Straße in Richtung Simmeringer Hauptstraße.

Ich bin Lenker des Funkwagens Konrad 3 und neben mir sitzt Revierinspektor Johann Z.

Mein Name ist Hermann SZODL und ich bin Revierinspektor.

Der Einbrecher wurde vom Funkwagen Konrad 2 auf frischer Tat beim Einbruch in eine Trafik betreten und aufgescheucht. Die Kollegen verfolgten ihn vorerst zu Fuß, verloren ihn jedoch aus den Augen. Kurz darauf bemerkten sie den Täter jedoch auf einem Moped fahrend wieder. Die Verfolgung musste jedoch abgebrochen werden, da der Flüchtende über einen Fußweg fuhr, welcher vom Funkwagen nicht befahren werden konnte. Fast wäre seine Flucht geglückt, hätten wir ihn nicht kurz zuvor aufgeschnappt und unverzüglich die Verfolgung aufgenommen.

„War doch gut, dass wir den Zweier unterstützen gefahren sind. Jetzt kommt er uns nicht mehr aus“, sage ich und betätige abermals das Folgetonhorn. Es ist 23:30 Uhr und unser Blaulicht ist weithin sichtbar. Es herrscht wenig Verkehr und ich schere mit dem Funkwagen aus, um dem Flüchtenden den Weg abzuschneiden. Ich schreie „Achtung!“ und trete die Bremse voll durch, gleichzeitig reiße ich das Lenkrad nach rechts.

Der Flüchtende ist vif. Er erkannte meine Absicht und bog im letzten Augenblick nach rechts in die geteilte Fahrbahn „Unter der Kirche“ ein. Dort fuhr er auf dem Gegenverkehrsbereich bis zum Friedhof „Alt Kaiser Ebersdorf“ vor, blieb stehen und sprang vom Fahrzeug. Dieses kracht zu Boden, als er gerade über die Friedhofsmauer springt. Weg war er.

Ich bremse scharf beim Moped und wir springen fast gleichzeitig aus dem Fahrzeug. Mit einem mächtigen Satz war ich über der Mauer. Z. schaffte es genauso wie ich. Wir liefen in den Friedhof hinein. „Wir teilen uns, ich laufe weiter rechts weiter!“, rief Z. und verschwand zwischen den Gräberreihen.

Finster war es auf dem Friedhofsgelände. Lediglich einige wenige Grablichter verzauberten die Umgebung mit mystischen roten Farbreflexionen. Z. hatte ich inzwischen aus den Augen verloren und vom Flüchtenden fehlte jede Spur.

Außer Atem erreichte ich die gegenüberliegende Friedhofsmauer. Nein, bis hierher und nicht weiter. Wir hatten den Flüchtenden verloren. Wer weiß, wo er ist? Er kann genauso gut hinter jedem Grab liegen. Wir würden ihn nicht finden. Ich bleibe stehen und bemühe mich wieder zu Atem zu kommen. Nach einer Weile richte ich mich auf und lausche, um den Standort von meinem Partner zu eruieren.

Nichts! Stille! Um nicht zu sagen Grabesstille.

Im Hintergrund lediglich das ewige Großstadtgemurmel. Hie und da ein Nachtgetier. Aber kein Mucks von meinem Kollegen.

„Hans! Haaaans!“, rufe ich.

Und da, plötzlich ganz dumpf und weit, kaum wahrnehmbar – „Hüülfe!“ Gespenstisch. Jetzt wird mir erst bewusst, wo ich mich da überhaupt befinde. Es muss gerade Geisterstunde sein. Alte Ängste kommen hoch. „Geh, drah de, jetzt wirst ma aber nicht Angst haben!“, denk ich mir. Langsam gehe ich wieder Richtung Ausgang.

Da, wieder „Hüülfe!“. Schon etwas deutlicher.


„KONRAD 3“ von Funkstelle … !
Hermann Szodl

192 Seiten
22,00 €