„Winterzeit“

Es war Winterzeit, nicht unbedingt die beste Reisezeit wegen der vereisten, schneebedeckten Straßen. Ich zog durch das Land. Take it easy! Die Strecke nach Eisenstadt war sehr gut vom Schnee geräumt. So ging‘s dahin, 10 Uhr!

Mit dem Alter wird am meisten geschummelt, nicht so Wenzel. Am Telefon schon hatte er mir von seinem Wuschelkopf erzählt, naturgelockt. Er wäre 62 Jahre, geschieden und würde sich darauf freuen, mich kennen zu lernen.

Mein Auto fuhr mich also nach Eisenstadt. Es spürte die Hitze meines Blutes, die Erregung, die einhergeht mit einer neuen Begegnung, mit einem Mann in Kontakt zu treten, jemand kennenzulernen, den man nirgendwo vorher schon gesehen hat. Den man nirgendwo angesprochen hätte von sich aus, wie auch mich noch nie einer angesprochen hat, um mit mir Kaffee zu trinken. Eigentlich seltsam! Warum eigentlich nicht? Hätte ich die Einladung spontan angenommen? Ich denke eher nicht, oder doch? Ich kann es nicht sagen, meine Unentschlossenheit ist wohl sagenhaft.

Mein Auto fühlte mit mir, es wusste, was ich wollte, und parkte mich ein genau neben seinem Wagen. Die beiden fühlten sich zueinander hingezogen, vielleicht planten sie ein weiteres Rendezvous. Dieses elegante, picobello saubere Vehikel stand seinem Herrn in nichts nach. Ein sympathischer, netter Mann, dessen ungewöhnliche Haare ihm gut zu Gesicht standen und gewiss auch an anderer Stelle zu finden wären. Was für Gedanken! Ich wandte mich schnell um, damit er nicht aus meinem Gesicht lesen konnte. Ich bin leider ein offenes Buch mit meiner Ehrlichkeit.

Wenzel war ein natürlicher Typ, bot mir galant seinen Arm und so gingen wir Arm in Arm etwa 120 Meter in ein Bäckerei-Café, in dem ich schon vor einem Konzert im Schloss Esterházy war. Es war ein wunderbares Gefühl, eingehakt mit einem sympathischen Mann durch den Schnee zu spazieren. Er entschuldigte sich, den mitgebrachten Blumenstrauß im Auto liegengelassen zu haben, aber wir mussten sowieso wieder zurück gehen auf den Parkplatz, wo die Blumen warteten.

Wir hatten einen schönen Tisch nahe der Kuchentheke, genossen den Kaffee und das große Stück Mehlspeise, das wir uns in diesem Falle brüderlich teilten. Wir hatten alle Zeit der Welt, umringt von Herren, die uns aus gewisser Entfernung beobachteten, sich nicht klar darüber waren, in welche Kategorie sie uns einreihen sollen. Ich sah es an ihrer Nasenspitze.

Wenzel erzählte mir von seinem Haus, das er selbst aufgebaut hätte, die Leitungen eingeleitet hätte, den Garten angelegt, also ein Allrounder. Er möchte sich nun zur Ruhe setzen, nicht mehr so viel arbeiten und, verständlich, er hätte nicht vor, sein Haus zu verlassen, seinen Wohnsitz aufzugeben. Er wünschte sich eine Frau, die zu ihm ziehen würde, oder nicht so weit entfernt wohnen würde. Mit beidem konnte ich nicht dienen, dass ich ständig auf Achse sitze, ist kein lustiges Pensionistenleben.

Er war, glaube ich, ein eher häuslicher Typ, der gerne Frühstücken ging, ach ja, deshalb, dass er nicht alleine den Morgenkaffee zu Hause trinken musste. Wenzel sagte mir, in welchem Kaffeehaus er anzutreffen wäre am Vormittag, dass man da sehr gut bedient werden würde. Mal sehen, vielleicht würde ich mir das einmal anschauen.

Es war später, später Vormittag, eigentlich Mittag vorbei, als wir uns vom Kaffeetisch erhoben unter den irritierten Augen rundum, als Wenzel mir galant in den Rauledermantel half und wir Arm in Arm gemächlich zu unseren Wagen zurück spazierten. Schade, meinte er, dass aus uns nichts werden kann.

Schade auch um den Blumenstrauß, der in unserem Abschiedsschmerz vergessen in seinem Auto blieb, jedenfalls hatten wir nicht mehr an ihn gedacht, besser gesagt er, um ihn mir zu geben.

Er meldete sich deshalb auch sofort telefonisch, dass er zu Hause angekommen wäre und die Blumen im Auto liegen gesehen hätte. Nett! Oder? Hatte er doch keine Blumen dabei gehabt? Ich würde es nie erfahren, aber warum sollte es nicht so sein, wie er sagte?

Die Gedanken nach einer Begegnung dieser Art nehmen alle Sinne in Anspruch, ich bin glücklich, es ist wieder jemand da, der an mich denkt, der mich mag und es ist unerheblich für mich, wenn der Kontakt nicht weiter besteht.


Sturmwind der Seele
E. M. Tollovich

217 Seiten
18,70 €