Nicht systemkonform

Friedrich Radlspäck

Lesung unterm Nussbaum 2019
Freitag, 11. Oktober
Samstag, 12. Oktober

Textstelle 1

Vorgeschichte und Entwicklung des Nationalsozialismus in Gols vor 1938

Beschäftigt man sich mit geschichtlichen Ereignissen, muss man sich unweigerlich auch mit der Entwicklung des Nationalsozialismus auseinandersetzen, welcher unter anderem nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu einem raschen Ende jüdischen Lebens und jenem der Roma im Burgenland führte. Es ist jedoch die Feststellung zu treffen, dass der Antisemitismus in diesen Breiten keine „Erfindung“ der Nationalsozialisten, sondern schon vorher latent in der Bevölkerung vorhanden war. Die NS-Propaganda schürte in der Folge in entsprechenden Hetzschriften vor allem den Neid gegen die durchwegs geschäftstüchtigen jüdischen Kauf- und Geschäftsleute, ging aber genauso verbal und tätlich gegen Randgruppen, wie z.B. Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sowie gegen andere politische Parteien und deren Mitglieder, später auch mit Mord an Menschen mit Einschränkungen und Deserteuren, vor. Die Gerichtsbarkeit wurde im Laufe der Zeit zum verlängerten Arm des Regimes umgebaut. Sondergerichte und vor allem der Volksgerichtshof sorgten dafür, dass nicht systemkonforme Menschen oftmals wegen Lappalien zu mehrjährigen Haftstrafen oder sogar zum Tode verurteilt wurden. Doch wie konnte es so weit kommen?

Textstelle 2

Der Anteil der protestantischen Bevölkerung im Burgenland betrug zu dieser Zeit 13%. Das war der höchste Prozentsatz dieser Glaubensgemeinschaft in einem österreichischen Bundesland. Die meisten Evangelischen konzentrierten sich im nördlichen Burgenland in den Weinbaugemeinden um den Neusiedlersee und im südlichen Burgenland im Bezirk Oberwart, wobei sich im evangelischen Oberschützen die „geistige Hochburg“ des Nationalsozialismus des Burgenlandes befand. Im Norden war die Konzentration der NSDAP im Raum Neusiedl am See – Gols am höchsten. Warum dies möglich war, beruht auf mehreren historischen Fakten. Einerseits in den Lebensumständen der durchwegs sehr armen und zu einem großen Teil bäuerlichen Bevölkerung im jüngsten österreichischen Bundesland, einer einsetzenden Weltwirtschaftskrise, verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, und nicht zuletzt in einer gewissen religiösen Unterdrückung der evangelischen Glaubensgemeinschaft durch das katholisch geprägten Regime der „Vaterländischen Front“, manifestiert sich der besondere Zug des Protestantismus zum Nationalsozialismus.

Textstelle 3

Ein historisch äußerst interessanter Artikel vom 1. Oktober 1944 konnte ebenfalls recherchiert werden:
„Bei den Oberhausener Kindern in Gols. In den Orten Neusiedl a. See, Weiden a. See und Gols sind seit dem Sommer 1942 Kinder aus Oberhausen. Ein Teil ist im Laufe der zwei Jahre wieder heimgegangen. Eine ganz stattliche Zahl ist noch in dem großen Dorfe Gols. Unser Berichterstatter hatte mit dem NSV-Walter des Ortes, Parteigenosse Limbeck, Gelegenheit, die Kinder zu sehen und mit ihnen zu plaudern. Sie sind in einzelnen Häusern bei Bauern in Wohnung, Kost und Pflege. Es ist Samstag nachmittag nach der Jause. Da treffen wir sie selten daheim. Wir müssen schon auf den Gassen und Straßen und auf den Plätzen schauen, wo sie mit den Jungen und Mädeln des Dorfes spielen oder mit Gießeimern und Besen die Straße sauber fegen. Wir mischen uns unter sie und horchen auf ihr Reden: Golser und Oberhausener, aber wir kennen sie nicht auseinander. Erst auf unsere Frage: „Wer von euch ist aus Oberhausen?“ melden sie sich in dem unverfälschten Golser Dialekt. Selbst das Singende in der Sprache und all die feinen Schattierungen von Länge und Breite der Vokale klingen heraus. Vater und Mutter in Oberhausen werden gut aufmerken müssen, wenn sie ihre Jungen und Mädel verstehen wollen.
Da ist der Erich Brauer. Einmal kommt er weinend zu seinen Pflegeeltern. Auf die Frage, warum er weine, kommt schluchzend die Antwort: „Sie haben mich verhauen, weil ich nicht golserisch gesprochen!“ Von dem Tag an sprach er golserisch.
Da sind die Brüder Helmut und Karl Biesenbänder, feste Jungen mit flachsblondem Haar, den ortüblichen Schurz vor Brust und Bauch gebunden. Ja, auf den Schurz sind sie stolz. Der Schurz ist das Zeichen der Männlichkeit und Burschenwürde eines Jungen, der schon mitschaffen kann mit den Großen. Helfen tun sie gern, am liebsten mit den Pferden, stehen breitbeinig auf den Wagen und lenken mit Leitriemen und Geißel das Gespann, achtend auf jede Unebenheit des Fahrweges und das Kommen eines Gegenfuhrwerkes. Es macht ihnen auch nichts aus, wenn einmal da und dort ein Stück Haut weggerissen wird. Kukuruz ausbrechen, auf den Wagen laden, daheim dann „höweln“, die Blätter von den Kolben lösen, das tun sie gern, und wenn sie einen „Roten“ finden, so ist die Freude genauso groß wie bei den Golser Jungen und Mädeln. Mit großer Freude sehen sie alle der Weinlese entgegen. Auf die Frage, ob sie heimfahren wollen, kommt immer rasch die Antwort: „Nein! In Gols ist‘s schöner!“
Ein Prachtstück ist die Zitta Zander bei Johann Stiegelmahr. Sie ist augenblicklich bei Vater und Mutter in Oberhausen. „Es wär‘ mir recht“, sagt Vater Stiegelmahr, „wenn‘s wieder kommen tät. Es geht uns völlig etwas ab. Sie war wie‘s Kind im Haus, als wenn‘s zu uns hätt‘ g‘hört.“ Aus dem Klang seiner Stimme fühlt man, wie der Mann Heimweh nach dem Kinde hat. Vom NSV-Walter erfahren wir, wie klein und schmächtig Zitta war, als sie vor zwei Jahren nach Gols kam. Heute ist sie ein großes, starkes, dickes Dirndl, das die Rosse aus dem Stall führt und sie an den Wagen spannt.
Die Jungen und Mädel besuchen in Gols die Volksschule. Da sitzen die Axmacher Helma, die Jungheim Hilde, die Schwaderlapp Elise, die Lattenkamp Resi, der Scholten Heinz, der Barhofer Karl, der Horn Willi und die Schäfer Annelies unter den Golser Jungen und Mädels: den Nittnaus, Limbeck, Stiegelmahr, Wurm, Hackstock und Gsellmann in Kameradschaft, in Gemeinschaft, der Westen und der Osten: Oberhausen und Gols.“
Dieser Artikel bedient zum einen natürlich vollkommen das Weltbild von „arischen“ Jugendlichen: stark, blond, fleißig, gelehrig, folgsam, alle „Arier“ – egal woher – sind gleich und haben Freude bei der Arbeit.

Textstelle 4

In Podersdorf lebten vor dem „Anschluss“ der Gruppe der Lowara zuzuordnende Roma. Während der kalten Jahreszeit hatten die Familien ihr Lager in der „Zigeunergrube“, welche sich gegenüber der Windmühle befand.
Zur selben Zeit entwickelte sich Podersdorf zu einem beliebten Fremdenverkehrsort am Neusiedler See. So mancher im Ort hatte Angst davor, dass der aufstrebende Fremdenverkehr unter den Roma leiden könnte. Deshalb meinte die Gendarmerie im März 1928: „Da sich die Zigeuner sehr schnell vermehren, werden in Podersdorf in einigen Jahren eine Menge Zigeuner vorhanden sein. […] Für den aufstrebenden Badeort wird dies sicher nicht vom Vorteil sein. Es ist ein unschönes Straßenbild, wenn die zerlumpten Zigeuner an den Sommerfrischlern vorbeiziehen, diese auf der Straße und in den Quartieren ansprechen, wenn schon nicht immer anbetteln.

Textstelle 5

Die Golser Deserteure

Johann Frühwirt, Taglöhner,  wurde am 02.05.1923 in Gols geboren und  wuchs als Sohn der Rosina Frühwirth in Gols 123 auf. Er hatte zwei Brüder und zur Zeit seines Ablebens zwei minderjährige Schwestern. Im Frühjahr 1942 wurde er mit noch nicht einmal 19 Jahren von der Deutschen Wehrmacht eingezogen und erhielt in Linz bei einer Gebirgsjägerdivision eine dreimonatige Blitz-Ausbildung. Im Jahr 1942 starb auch sein Vater.
Nach Absolvierung dieser „Grundausbildung“ wurde er sofort an die Ostfront versetzt. Dort wurde er im Zuge der Kämpfe im Gesichtsbereich verletzt und kam ins Lazarett nach Braunau, wo er dann als Gefreiter dem Ausbildungsbataillon zur besonderen Verwendung, Jäger-Ersatz-Bataillon II/482 zugeteilt wurde.
Nach der Genesung erreichte ihn die Hiobsbotschaft, dass er wieder an die Ostfront versetzt werden sollte. Dies nahm er als Anlass, um am 15.09.1944 von seiner Einheit zu desertieren. Seine Braut, Frau Paula Obermeier, versteckte ihn im Gehöft ihrer Familie, in Mooseck, in Simbach am Inn [Bayern]. Frühwirt hatte schon ein Kind mit Paula Obermeier, und sie war bereits zum zweiten Kind schwanger.
Trotzdem sollte Johann Frühwirt das nahende Ende des Zweiten Weltkrieges nicht erleben dürfen: Anfang Februar 1945 bekam die Schutzpolizei-Dienstabteilung Simbach am Inn einen Hinweis auf das Versteck des Soldaten. Der Informant hatte es verdächtig gefunden, dass Frühwirt als Soldat sich dort ohne offensichtliche körperliche Beeinträchtigungen bereits seit Monaten aufhielt.
Aufgrund des Hinweises begab sich die Schutzpolizei am 8. Februar 1945 nach Mooseck zur Familie Obermeier, um den Soldaten zu kontrollieren. Dabei wurde festgestellt, dass Frühwirt tatsächlich „fahnenflüchtig“ war. Eine Überprüfung des Soldbuches ergab, dass er weder einen Urlaubsschein vorweisen konnte, noch stand er in ambulanter Behandlung. Dadurch stand fest, dass er sich widerrechtlich von der Truppe entfernt hatte. Frühwirt gab dies auch zu. Daraufhin wurde er von der Schutzpolizei an Ort und Stelle festgenommen und noch am gleichen Tag seiner Einheit in Braunau überstellt. Etwa drei Tage nach der Überstellung teilte der Führer der Marschkompanie in Braunau, Oberleutnant Arold, der Schutzpolizei mit, dass Frühwirt erneut die Flucht, dieses Mal sogar in Handschellen, gelungen sei. Bei Aufgreifen sei er erneut festzunehmen.