„Zurückgekehrt“

Als ich mich wieder aufrichtete, stach mir die Gestalt meines Vaters ins Auge. Er stand auf der Veranda, die Arme voreinander verschränkt, den Rücken an die Holzwand gelehnt, und wirkte dabei so reglos wie eine Statue. Während ich zu ihm nach oben ging, verfolgte er mich mit seinen Blicken. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Schon wieder fühlte ich mich wie ein Kind, das etwas Verbotenes getan hatte.

Meine Güte – ich bin einundzwanzig und außerdem kann er gar nichts wissen von Kaja!

„Wie war dein Urlaub?“, fragte Vater, als ich vor ihm stand.

„Schön.“

„Was habt ihr gemacht?“

Bildete ich es mir ein, oder schwang tatsächlich Misstrauen in seiner Stimme?

„Baden, spazieren, lesen. Was man eben auf Urlaub so macht.“ Ich rieb mir über die Arme. „Es ist kalt, lass uns reingehen.“

Er folgte mir schweigend ins Haus. Im Ofen knisterte Feuer, es war wohlig warm in der Stube und es duftete herrlich vertraut nach altem Holz und Wald. Papa setzte sich an den Tisch und beobachtete mich dabei, wie ich die Hände vorm Ofen ausstreckte und dem Feuer zusah, das leise züngelnd das Holz verschlang. Dieses Schauspiel war jedes Mal aufs Neue faszinierend. „Und? Seid ihr viel ausgegangen? Habt ihr viele Leute kennengelernt?“, fragte er, bemüht, beiläufig zu klingen. Ich hatte ihn sofort durchschaut. Daher wehte also der Wind. Wenn es etwas gab, das meinem Vater noch mehr Sorgen machte als das Unfassbare, dann war es der zukünftige Schwiegersohn. Im ganzen Ort war er als unberechenbar und absolut wahnsinnig bekannt, wenn es darum ging, seine Tochter vor möglichen Anwärtern zu bewahren. Die Jungs aus dem Ort hatten mich immer nur „dem Schrupp Gidi seine Tochter“ genannt – die, um die man lieber einen weiten Bogen macht. Und als ich mich vor drei Jahren in einen Neuseeländer verguckt hatte, hatte mein Vater es tatsächlich vollbracht, den Armen so zu verschrecken, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Er hatte bei uns als Wwoofer gelebt. Das heißt, er half am Hof mit und bekam dafür Kost und Logis gestellt. Nachdem mein Vater mitbekommen hatte, dass es zwischen uns knisterte, hatte der Neuseeländer mit den letzten Worten: „Your dad is crazy! I won’t touch you again!“, das Weite gesucht. Bis heute weiß ich nicht, was Papa zu ihm gesagt hatte. Aber ich hatte ihn mindestens fünf Wochen mit Schweigen bestraft. Zu Papas Glück war aus den darauffolgenden Flirts nie etwas Ernstes entstanden. Nach spätestens drei Monaten hatte ich meistens genug. Vorgestellt hatte ich Papa aber keinen der Verehrer mehr.

Elbenohr
Das Tor der Welten
Petra P. Hasler

304 Seiten
16,40 €